Höschen für immer und ewig

VON UTE SCHROETER

Linnene Hemdchen konnten sich im 18. Jahrhundert nur reiche Menschen leisten. Jungfer Eding wollte diesen Zustand für alle Zeiten beenden. Foto: fotolia.com/kharchenkoirina

Für bedürftige Damen

Johanna Margaretha Eding wird wohl kaum geahnt haben, dass ihr Testament einmal ein hohes Gericht mit der Frage beschäftigen wird, was „frau denn heute so drunter trägt?“

Die reiche Jungfer Eding lebte im 18. Jahrhundert in Hamburg. Sie verstarb 1762 – zu einer Zeit, als Leinen-Unterwäsche für die Armen ein kaum erschwinglicher Luxus war. Um hier Abhilfe zu schaffen, vermachte die alleinstehende, äußerst gläubige Dame der Hauptkirche St. Jacobi ihr gesamtes Vermögen von 850 Courant, umgerechnet mehrere hunderttausend Euro. Einzige Bedingung: Aus den Erträgnissen „mögen linnene Hemdchen für bedürftige Damen“ geschneidert werden und das „auf ewige Zeiten“. Der Stoff hatte „mittlerer Art und Güte“ zu sein und das Schnittmuster lieferte die Jungfer praktischerweise gleich mit.

Streit ums Höschentestament

Etwa anderthalb Jahrhunderte lang wurde ihr letzter Wille vollstreckt – ganz so, wie sie es vorgesehen hatte. Darüber wachte die Stiftung „Johanna Margaretha Eding Testament“. Diese wird bis heute von einem Rechtsanwalt vertreten. Doch mit dem Ersten Weltkrieg nahm die Hemdennäherei ein jähes Ende. Das Vermögen war zum größten Teil der Inflation zum Opfer gefallen, dementsprechend niedrig waren die Zinsen, die man in Leinenstoff hätte investieren können. 1930 trafen sich Stiftung und Kirchengemeinde zum ersten Mal vor Gericht, doch jahrzehntelang war keine Einigung in Sicht.

Erst 1983 fand man eine Lösung. Zunächst zog Lutz Mohaupt, der damalige Pastor von St. Jacobi, mit der Angelegenheit vors Amtsgericht. Die Verhandlung dauerte jedoch nur wenige Minuten. „Der Richter schickte uns wieder weg, weil der Streitwert zu hoch war,“ erklärt Mohaupt, „das Vermögen war zwar nur noch 16 Mark wert, aber es ging ja um ewige Zeiten.“

 

Vorm Landgericht

Also trafen sich die Parteien einige Wochen später vorm Landgericht wieder. Dort, wo normalerweise über schwere Verkehrsdelikte geurteilt wird, waren nun Hemdchen und Höschen Gegenstand einer Verhandlung. Die beiden Rechtsbeistände von Stiftung und Kirche – zwei ältere Herren – nahmen die Sache jedoch mindestens ebenso ernst. „Die beiden haben sich regelrecht ereifert im Streit darum, was die Kirche nun leisten muss,“ erzählt der Pastor. In einer dramatischen Szene riss der von der Stiftungsseite plötzlich den historischen Schnittmusterbogen hervor und brüllte: „Dies ist die Pflicht der Kirche dafür zu zahlen!“ woraufhin der andere aufsprang und in gleicher Lautstärke erwiderte: „Das ist der Untergang von St. Jacobi!“

Den Richtern gelang es nur mit Mühe, die beiden Streithähne zu besänftigen. Sie schlugen einen außergerichtlichen Vergleich vor. Die Unterwäsche sollte künftig nicht mehr geschneidert, sondern gekauft werden, man einigte sich auf 15 Wäschegarnituren jährlich – „mittlerer Art und Güte“ versteht sich.

Ende gut – für immer

In einem Punkt waren sich beide Parteien von Anfang einig: Der von Jungfer Eding entworfene Schnitt war inzwischen aus der Mode geraten. Was aber trägt „frau“ denn heute so drunter? Allein die Frage sorgte für allgemeine Heiterkeit, vor allem bei der Schar von jungen Rechtsreferendaren, die der Verhandlung folgten. Das Rätsel konnte das hohe Gericht nicht lösen, man überließ die Entscheidung weiblicher Intuition.

Und so kam es, dass eine Gemeindemitarbeiterin von St. Jakobi alljährlich zur Adventszeit „geschmackvolle Dessous“ für obdachlose Frauen aussucht – „auf keinen Fall Feinripp, eher was mit Spitze“. Ob das allerdings dem letzen Willen der Johanna Margaretha Eding entspricht, bleibt wohl auf ewig ein Geheimnis.